Die Rolle des Zeitwerts


Der Zeitwert kann – vereinfacht ausgedrückt – als eine Prämie dafür verstanden werden, dass die Spekulation im Zeitverlauf aufgeht. Für die Bezeichnung Zeitwert wird in der Praxis häufig auch der Ausdruck Aufgeld verwendet. In der Optionsscheintheorie gibt das Aufgeld bei einem Call-Optionsschein Auskunft darüber, um wie viel der Kauf des Basiswerts über den Optionsschein teurer ist als ein Direktkauf. Dazu ein Beispiel: Angenommen die A-Aktie notiert bei 50 Euro. Ein Call-Optionsschein auf die A-Aktie mit einem Basispreis bei 45 Euro, einem Bezugsverhältnis von 1 und einer Laufzeit von 3 Monaten wird an der Börse mit 7 Euro gehandelt. Würden Sie die A-Aktie direkt kaufen, müssten Sie sofort 50 Euro bezahlen. Würden Sie dagegen die Aktie über den Optionsschein erwerben, müssten Sie zunächst den Optionsschein zu 7 Euro kaufen und – falls sie von ihrem Bezugsrecht Gebrauch machen – den Basispreis von 45 Euro bezahlen. Der Bezug der A-Aktie über den Call-Optionsschein hätte sie also insgesamt 52 Euro gekostet und damit 2 Euro mehr als ein direkter Kauf der Aktie. Diese 2 Euro stellen genau den Betrag dar, den der Call-Optionsschein über seinem Inneren Wert von 5 Euro notiert (Innerer Wert = Kurs A-Aktie– Basispreis = 50 Euro – 45 Euro). Liegt ein Optionsschein aus dem Geld, das heißt, er verfügt über keinen Inneren Wert, weil der Basiswert unter dem Basispreis notiert, dann besteht der Preis des Optionsscheins theoretisch nur aus Aufgeld beziehungsweise Zeitwert.


Die Schwelle zum Gewinn

Aus dem Zeitwert beziehungsweise dem Aufgeld lässt sich eine weitere ganz wichtige Kennziffer für Optionsscheine ableiten: die Gewinnschwelle, auch als so genannter Break-Even-Punkt, kurz Break-Even bezeichnet. Was es mit der Gewinnschwelle auf sich hat, wird am Beispiel auf der Seite zuvor deutlich. Sie kaufen den Call-Optionsschein auf die A-Aktie zu 7 Euro in der Hoffnung auf steigende Kurse. Die A-Aktie notiert zum Kaufzeitpunkt bei 45 Euro. Die Laufzeit des Optionsscheins beträgt noch drei Monate. Würde die A-Aktie dann immer noch bei 45 Euro verharren, würden Sie lediglich den Inneren Wert des Call-Optionsscheins, also 5 Euro, gutgeschrieben bekommen. Das Aufgeld in Höhe von 2 Euro wäre verloren. Um am Laufzeitende auf der Gewinnerseite zu sein, muss die A-Aktie also steigen, und zwar mindestens in Höhe des Aufgelds. In unserem Beispiel müsste die A-Aktie von ihrem aktuellen Niveau von 50 Euro also mindestens um 2 Euro auf 52 Euro zulegen.


Merke: Die Gewinnschwelle gibt bei einem Call-Optionsschein den Basiswertkurs an, den der Basiswert  bis zum Ende der Laufzeit des Optionsscheins mindestens überschreiten muss, damit Sie sich in der Gewinnzone befinden beziehungsweise keinen Verlust erleiden.


Die Gewinnschwelle lässt sich sehr einfach nach folgender Formel berechnen:

Gewinnschwelle (Break-Even-Punkt) = [(Preis des Call-Optionsscheins) / Bezugsverhältnis / Währungskurs] + Basispreis
                                                              

In unserem Beispiel:

Gewinnschwelle A-Aktie = [(Preis des Call 7 Euro) / Bezugsverhältnis 1 / Währungskurs 1]+ Basispreis 45 Euro = 52 Euro


Der Break-Even ist eine sehr wichtige Kennzahl bei der Auswahl eines Optionsscheins, insbesondere dann, wenn Sie beabsichtigen, den Optionsschein bis zum Ende der Laufzeit zu halten. Stellen Sie sich die Frage, ob Sie ein Überspringen der Gewinnschwelle innerhalb der Restlaufzeit für realistisch halten oder nicht. Hieran wird deutlich, dass Sie vor dem Kauf eines Optionsscheins zunächst einmal eine Vorstellung über die Entwicklung des Basiswertes haben müssen und ungefähr abschätzen können, in welchem Zeitraum diese Entwicklung möglich ist.

 

Der Zeitwert ist immer in Bewegung



Der Zeitwert eines Optionsscheins ist keine konstante Größe, sondern verändert sich im Zeitablauf. Aus diesen Veränderungen ergeben sich für den Käufer eines Optionsscheins sowohl Chancen als auch Risiken. Aus diesem Grund müssen wir uns jetzt mit der Frage beschäftigen, von welchen Faktoren die Höhe des Zeitwerts eines Call-Optionsscheins eigentlich abhängt?

Zeitwert: Einflussgröße Laufzeit

Nehmen wir zunächst an, Sie könnten zwischen zwei identischen Call-Optionsscheinen auf die A-Aktie auswählen. Der einzige Unterschied zwischen den beiden Scheinen liegt in der Restlaufzeit, einer läuft noch sechs Monate, der andere verfällt erst in einem Jahr. Sicher würden Sie, falls beide Scheine gleich viel kosten würden, das Papier mit der längeren Laufzeit wählen, da bei diesem Optionsschein aufgrund des längeren Zeithorizonts die Wahrscheinlichkeit größer ist, dass sich der Basiswert in die gewünschte Richtung entwickelt. Der Schein mit der längeren Restlaufzeit ist daher wertvoller und besitzt daher den höheren Zeitwert.

Umgekehrt ist es aber auch logisch, dass sich der Zeitwert im Zeitverlauf immer weiter abbaut, bis er am Ende der Laufzeit 0 beträgt. Der Optionsscheinpreis ist dann identisch mit dem Inneren Wert. Wenn Sie also Optionsscheine kaufen, spielen Sie immer gegen die Zeit. Der Zeitwertverfall kann nur durch einen steigenden Inneren Wert ausgeglichen werden.


Merke:  Je länger die Restlaufzeit eines Optionsscheins ist, umso größer ist sein Zeitwert. Bis zum Laufzeitende baut sich der Zeitwert auf 0 ab.


Zeitwert: Einflussgröße implizite Volatilität

Ein weiterer Einflussfaktor auf den Zeitwert ist die vom Markt erwartete (implizite) Volatilität des Basiswertes. Diese Kennziffer zeigt an, mit welchen Kursschwankungen des Basiswerts die Marktteilnehmer in Zukunft rechnen. Je höher die implizite Volatilität, desto stärker die erwarteten Kursschwankungen und umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Optionsschein innerhalb seiner Laufzeit in die gewünschte Richtung bewegt. Zwar gibt die implizite Volatilität keinen Aufschluss über die Richtung der Kursentwicklung, es ist aber klar, dass ein sich stark bewegender Basiswert bessere Voraussetzungen hat, sich in die gewünschte Richtung zu entwickeln als ein bewegungsarmer Basiswert.


Merke: Je höher die implizite Volatilität des Basiswertes, desto höher ist der Zeitwert eines Optionsscheins.

                                                       

Zeitwert: Einflussgröße Zinsniveau

Ein dritter Einflussfaktor auf den Zeitwert ist das Zinsniveau oder genauer der Zinssatz für sichere (risikolose) Anlagen. Allerdings ist dieser Einfluss auf die Höhe des Zeitwerts weit geringer als etwa bei Veränderungen der impliziten Volatilität. Trotzdem stellt sich die Frage, weshalb der Zeitwert auch von den Zinsen abhängt? Wie wir wissen, können Sie über einen Call mit einem relativ geringen Kapitaleinsatz von den Kurssteigerungen einer zugrunde liegenden Aktie profitieren, ohne die Aktie selber kaufen zu müssen. Das Geld, das Sie dank des Call-Optionsscheins nicht in die Aktien investieren müssen, kann stattdessen anderweitig zinsbringend angelegt werden. Damit gilt: Je höher die Zinsen sind, die es auf eine sichere Geldanlage gibt, umso höher ist der Zeitwert.


Merke: Mit steigendem Zinsniveau steigt bei Call-Optionsscheinen der Zeitwert. Umgekehrt führen fallende Zinsen zu einem Absinken des Zeitwerts.


Zeitwert: Einflussgröße Dividenden

Die Dividenden spielen nur bei Optionsscheinen auf Aktien und unter Einschränkungen auch auf Aktienindizes eine Rolle. Zwar ist die erwartete Dividendenzahlung oder Ausschüttung im Preis des Optionsscheins bereits berücksichtigt. Einfluss nimmt aber eine unerwartete Erhöhung, Senkung er Streichung der Ausschüttung während der Laufzeit. Dabei profitiert der Besitzer eines Call von einer geringeren Dividende, da der Abschlag nach der Dividendenzahlung im Kurs der Aktie kleiner ausfällt. Sinkt die erwartete Dividende nimmt der Zeitwert eines Call also zu. Steigt dagegen die erwartete Dividende, nimmt der Zeitwert eines Call ab.


Zusammenfassung

Wir haben gesehen, dass sich der Wert eines Optionsscheins aus dem Inneren Wert und dem Zeitwert zusammensetzt. Der Innere Wert wird durch die Differenz zwischen dem aktuellen Kurs des Basiswertes und den Basispreis bestimmt. Der Zeitwert hingegen wird beeinflusst von der Restlaufzeit, der impliziten Volatilität des Basiswertes und dem Zinsniveau und gegebenenfalls von Änderungen der erwarteten Dividende.


 

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