Die Funktionsweise


Oh je, der Heizöltank ist fast leer

Um das Grundprinzip von Optionsscheinen zu erklären, wollen wir zunächst eine Situation betrachten, wie sie im Alltagsleben vieler Menschen häufiger vorkommt. Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Hauseigentümer und betreiben für das Gebäude eine Ölheizung. Bei einer Prüfung des Tanks stellen Sie fest, dass dieser nur noch zu einem Drittel voll ist. Das würde Ihrer Erfahrung nach zwar noch für zwei Monate reichen, trotzdem werden Sie sich schon heute die Frage stellen, ob Sie so lange mit dem Auffüllen warten oder ob Sie schon heute Ihren Heizöl-Vorrat aufstocken sollen. Sie werden diese Entscheidung vor allem von zwei Punkten abhängig machen: Vom aktuellen Preis für Heizöl und von Ihrer Erwartung, wie sich der Preis in den kommenden Monaten entwickeln wird.

Ist der Heizölpreis aktuell sehr hoch, werden Sie, wenn Sie mit einem fallenden Preis rechnen, vermutlich mit dem Betanken noch warten. Denn dann könnten Sie sich z.B. in zwei Monaten billiger mit Heizöl eindecken und würden Kosten sparen. Aus dem gleichen Grund werden Sie das Nachfüllen auf heute vorziehen, wenn Sie steigende Heizölpreise erwarten.

Treffen Sie doch eine Abmachung

Aber was tun, wenn Sie sich über die zukünftige Preisentwicklung nicht so richtig sicher sind? Wäre es dann nicht von Vorteil,wenn Sie mit ihrem Öllieferanten eine vertragliche Abmachung treffen könnten, in der Ihnen der aktuelle Preis auch in zwei Monaten noch garantiert wird. In diesem Fall könnten Sie bedenkenlos mit dem Betanken warten. Denn sollte der Heizölpreis bis dahin tatsächlich gestiegen sein, dann würden Sie von ihrem Recht aus der Abmachung Gebrauch machen und das Heizöl zum garantierten günstigeren Preis kaufen. Und was, wenn der Preis gefallen ist? Dann würden Sie die Vereinbarung mit dem Lieferanten einfach nicht in Anspruch nehmen und könnten stattdessen zum billigeren Marktpreis zuschlagen.

Der Grundgedanke von Optionen

Sie hätten also eine Wahlmöglichkeit, zu welchem Preis Sie das Heizöl in zwei Monaten kaufen möchten, entweder zum garantierten Preis oder zum dann gültigen Marktpreis, je nachdem, was für Sie vorteilhafter ist. Was für den Hausbesitzer eher eine Wunschvorstellung ist, gehört in der Welt der Geldanlage zum Alltagsgeschäft. Dort sind solche Preisabmachungen nichts Außergewöhnliches. Man nennt Sie Optionen. Der Ausdruck Option stammt übrigens aus dem lateinischen „optio“, was sich mit „freier Wahl“ oder „Wahlmöglichkeit“ übersetzen lässt.

Im Finanzbereich verbrieft eine Option das Recht, aber nicht die Verpflichtung, ein bestimmtes Finanzinstrument, zum Beispiel eine Aktie, zu einem vorher vereinbarten Preis auf Termin zu kaufen oder zu verkaufen. Doch welchen Zweck soll das haben? Warum sollte man sich den Kurs einer Aktie auf einen Zeitpunkt in der Zukunft festschreiben lassen? Die Antwort ist relativ einfach: Optionen werden primär gekauft, um einen Gewinn zu erzielen. Denn steigt der Aktienkurs über das abgemachte Niveau hinaus, könnte der Inhaber der Option von seinem Recht Gebrauch machen und die Aktie zum vereinbarten Termin günstig zu kaufen und sie dann sofort wieder zum höheren Börsenkurs zu verkaufen. Die Differenz zwischen dem vorab vereinbarten Kaufkurs und dem zukünftigen höheren Kurs wäre der Gewinn des Anlegers.


Das Motiv für den Kauf von Optionen

Wer Optionen kauft, tut dies,um einen Gewinn zu erzielen. Warum aber kauft er nicht gleich die Aktie selbst, wenn er ohnehin mit steigenden Kursen rechnet? Stellen Sie sich vor, Sie ordern über Ihre Bank eine aus Ihrer Sicht aussichtsreiche Aktie zum Kurs von 50 Euro. Der Kaufauftrag wird ausgeführt, die Aktie wird in Ihr Depot gebucht und der Gegenwert von 50 Euro Ihrem Konto belastet (in der Praxis kommen natürlich auch noch Gebühren für den Kauf hinzu). Sie müssen also den vollen Kaufpreis bereits heute aufbringen. Bei einer Option ist das anders. Sie erwerben ja lediglich das Recht eine Aktie zu einem bestimmten Termin und zu einem bestimmten Preis zu erwerben.


Alles hat seinen Preis, auch Optionen

Allerdings gibt es das Optionsrecht auch nicht umsonst. Es muss also ein bestimmter Preis dafür bezahlt werden... Denn steigt der Aktienkurs, werden Sie auf Ihr Optionsrecht pochen, und sich die Aktie zum billigeren Preis liefern lassen. Fällt dagegen der Kurs, können Sie Ihr Optionsrecht einfach verfallen lassen. Mit einem Satz: Sie erwerben ein Recht, für das ein angemessener Preis bezahlt werden muss.

Und schon stellt sich die nächste Frage: Was ist ein angemessener Preis? Diesen sehr wichtigen Punkt werden wir im zweiten Grundlagenteil ausführlich beleuchten. Nur so viel sei vorab schon verraten: Der Preis von Optionen beträgt in der Regel nur einen Bruchteil des Preises der Aktie selbst. Der Mitteleinsatz fällt also deutlich geringer aus. Das sorgt dafür, dass Optionen überproportional auf Kursbewegungen der zugrunde liegenden Aktie reagieren. Man spricht von der berühmten Hebelwirkung.


Von der Option zum Optionsschein

Bisher sprachen wir nur von Optionen, obwohl es in diesem Kapital doch um Optionsscheine gehen soll. Worin liegt also der Unterschied?.Optionen und Optionsscheine folgen grundsätzlich dem gleichen Prinzip. Sie unterscheiden sich vor allem in der Handelbarkeit: Optionen sind standardisierte Terminkontrakte, die an speziellen Terminbörsen gehandelt werden. Dazu haben aber nur die wenigsten Privatanleger Zugang. Optionsscheine sind dagegen von Banken angebotene Produkte, die Optionsrechte verbriefen. Der Vorteil: Sie können auch in kleinen Mengen von Privatanlegern ge- und verkauft werden, was einen problemlosen Handel ermöglicht. Im Folgenden werden wir daher nur noch den Begriff Optionsscheine verwenden.


Optionsscheine verbriefen das Recht, aber nicht die Verpflichtung eine zugrunde liegende Aktie zu einem vorab vereinbarten Preis auf Termin zu kaufen beziehungsweise zu beziehen. In diesem Fall handelt es sich um einen so genannten Call-Optionsschein, auch als Kauf-Optionsschein bezeichnet. (von „to call“:  sinngemäß das Kaufrecht „aufrufen“).


Optionsscheine für Börsenpessimisten

Neben dem Call-Optionsschein gibt es noch einen zweiten Optionsscheintypen: den Put-Optionsschein beziehungsweise Verkauf-Optionsschein. Mit einem Put erwirbt der Käufer das Recht, aber nicht die Verpflichtung eine Aktie zu einem vorab vereinbarten Preis auf Termin zu verkaufen beziehungsweise zu liefern (von „to put“: sinngemäß die Aktie „abgeben“).

Während man mit einem Call-Optionsschein auf steigende Kurse setzt, da der Gewinn umso höher ist, je stärker die Aktie über den vorab vereinbarten Preis steigt, spekuliert der Käufer eines Put-Optionsscheins auf fallende Kurse. Und zwar aus dem einfachen Grund: Er kann die zugrunde liegende Aktie zu einem vorab vereinbarten Preis abgeben, auch wenn deren Kurs zu diesem Zeitpunkt darunter liegt. Die Aktie kann also billig einkauft und gleichzeitig zum höheren vereinbarten Preis verkauft werden. Die Differenz ist sein Gewinn.


Merke: Mit Call-Optionsscheinen setzen Anleger auf steigende Kurse, mit Put-Optionsscheinen auf fallende Kurse.


Jede Spekulation braucht eine Basis

Nachdem das geklärt ist, ist es Zeit, sich einem weiteren Begriff aus der Optionsscheinpraxis zu widmen. Bisher war immer nur vom „vorab vereinbarten Preis“ die Rede, also dem Preis, zu dem eine Aktie auf Termin gekauft (Call-Optionsschein) oder verkauft (Put-Optionsschein) werden kann. Im Fachjargon wird dieser „vorab vereinbarte Preis“ kurz und bündig als Basispreis bezeichnet. Daher wollen auch wir diesen Begriff in Zukunft verwenden.


Merke: Der Basispreis ist der Preis, zu dem die zugrunde liegende Aktie gekauft (Call-Optionsschein) oder verkauft (Put-Optionsschein) werden kann.


Optionsscheine sind zum Handeln da

Viele von Ihnen dürfte spätestens jetzt eine weitere Frage interessieren: Muss man, wenn man einen Call-Optionsschein auf eine Aktie kauft und das Optionsrecht ausübt, die Aktie tatsächlich erwerben, also in Besitz nehmen – beziehungsweise muss der Käufer eines Put-Optionsscheins wenn er das Optionsrecht ausübt, die Aktie tatsächlich aus seinem Besitz liefern? Ausüben heißt, dass der Inhaber des Optionsscheins von seinem Recht auf Lieferung (Call) oder Abnahme (Put) der Aktie Gebrauch macht. Ist das nur am Laufzeitende, am so genannten Verfallstermin, des Optionsscheins möglich, spricht man von einer Option europäischen Typs. Kann die Option an jedem Handelstag bis zum Laufzeitende ausgeübt werden (Ausübungsfrist), handelt es sich um eine Option amerikanischen Typs. Aus diesen Punkten ergibt sich übrigens, dass Optionsscheine zwangsläufig immer eine begrenzte Laufzeit haben.


Merke: Die Ausübungsart gibt an, ob ein Optionsschein während der gesamten Laufzeit (amerikanisch) oder nur am Ende der Laufzeit (europäisch) ausgeübt werden kann.


In der Praxis spielt die Unterscheidung in europäischen und amerikanischen Typ keine große Rolle, denn der Käufer eines Optionsscheins ist in der Regel nicht daran interessiert, das damit verbundene Recht tatsächlich auszuüben, also den Basiswert real zu beziehen oder zu liefern. Vielmehr möchte er sich lediglich die Hebelwirkung der Optionsscheine zu Nutze machen und von der Preisentwicklung des Optionsscheins selbst profitieren, da der Preis eines Optionsscheins –  wie wir noch sehen werden – überproportional auf Kursbewegungen der zugrunde liegenden Aktie reagiert.  


Merke: Optionsscheine werden vorrangig gekauft, um sie später zu einem höheren Preis wieder verkaufen zu können - das mit den Optionsscheinen verbundene Optionsrecht spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Optionsscheine können in der Regel an jedem Handelstag ge- oder verkauft werden.


Doch was passiert, wenn ein Anleger einen Optionsschein am Verfalltag immer noch in seinem  Depot hat? Dann wird die Option automatisch ausgeübt, aber auch in diesem Fall erfolgt in der Regel keine echte Lieferung oder Abnahme von Aktien (auch als „physical settlement“ bezeichnet), sondern ein Barausgleich (auch als „cash settlement“ bezeichnet). Das heißt, der Emittent des Optionsscheins, also die ausgebende Bank, schreibt dem Inhaber den Gegenwert des Optionsscheins automatisch gut. Damit kann die zuvor gestellte Frage, ob ein Optionsschein-Inhaber tatsächlich die zugrunde liegende Aktie beziehen beziehungsweise liefern muss, mit einem klaren Nein beantwortet werden. Dies macht Optionsscheine für Anleger unkompliziert zu handhaben.


Es müssen nicht immer Aktien sein

Bisher sprachen wir immer von Aktien, die mit Optionsscheinen gehandelt werden können. Der Basiswert, so die offizielle Bezeichnung für den zugrunde liegenden Titel, ist dann eine Aktie. Aber Optionsscheine können sich auch auf andere Werte wie z.B. Aktienindizes, Rohstoffe, oder Wechselkurse beziehen. Erinnern Sie sich noch an unser Eingangsbeispiel mit dem Heizöl? Selbst darauf hat es schon Optionsscheine gegeben. Das Auswahluniversum ist riesig. Allein in Deutschland werden mittlerweile mehrere Hunderttausend Optionsscheine mit den unterschiedlichsten Basiswerten gehandelt.


Merke: Der Basiswert ist das dem Optionsschein zugrunde liegende Bezugsobjekt


Was es mit dem Bezugsverhältnis auf sich hat

Aus dem Basiswert ergibt sich noch eine weitere Besonderheit. Denn der Preis eines Optionsscheins hängt auch davon ab, auf wie viele Einheiten des Basiswerts sich das Optionsrecht bezieht. Es ist klar, dass zum Beispiel ein Call-Optionsschein, mit dem genau eine Aktie erworben werden kann, mehr wert ist, als ein ansonsten identischer Schein, der nur zum Bezug des Bruchteils der gleichen Aktie berechtigt. Auf wie viele Einheiten des Basiswerts sich ein Optionsschein bezieht, darüber gibt das Bezugsverhältnis Auskunft. Ein Bezugsverhältnis von 1 gibt zum Beispiel an, dass bei Ausübung des Optionsscheins genau eine Einheit des Basiswerts, zum Beispiel eine Aktie, ge- oder verkauft werden kann. Bei einem Bezugsverhältnis von 0,1 beziehungsweise 0,01 würde sich der Optionsschein nur auf ein Zehntel beziehungsweise ein Hundertstel des zugrunde liegenden Basiswerts beziehen. Oder anders ausgedrückt: Man bräuchte für den Bezug von genau einer Einheit des Basiswerts 10 beziehungsweise 100 Optionsscheine. Eine solche „Zerstückelung“ hat einen ganz einfachen Hintergrund. Denn durch ein kleines Bezugsverhältnis werden Basiswerte mit hohem Kurswert, man denke an Aktienindizes, die ja meistens im vierstelligen Bereich notieren, mit kleinen Beträgen handelbar.




 

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